Ein enormer Rückschritt unserer Zivilisation

kf

Diplomkrankenschwester Kornelia Fussenegger im Interview mit Wolfgang Gerstl über ihre jahrelange Berufserfahrung mit sterbenden Menschen, ihren Todeswünschen und den Wert des Lebens.

Frau Fussenegger, Sie sind Diplomkrankenschwester und leiten den Pflegedienst an der Universitätsklinik für Innere Medizin in Innsbruck. Waren Sie Ihr ganzes Berufsleben hindurch im Krankenhaus?

Nein, ich habe an der Klinik Innsbruck begonnen und mich dann lange um meine Kinder gekümmert. Als ich wieder als Krankenschwester zu arbeiten begonnen habe, war ich ein paar Jahre lang Krankenschwester in der Hauskrankenpflege, in der Sterbebegleitung, anschließend Pflegedienstleitung in einem Altersheim und dann bin ich wieder in die Klinik zurückgekommen.

Hospizdienst, Altersheim, Krankenhaus – Sie haben wahrscheinlich sehr viele Menschen ihren letzten Weg gehen sehen oder sie begleitet?

Ja, der Tod gehört in meinem Beruf dazu. Zu sehen, wie unterschiedlich die einzelnen Patienten damit umgegangen sind, war sicher eine sehr lehrreiche Erfahrung für mein eigenes Leben.

Sie wissen, bei unserer Plattform geht es um das Thema „Töten auf Verlangen“. Wie stehen Sie dazu?

Erwachsene können und sollen über ihr Leben entscheiden. Freitod ist eine persönliche Entscheidung. Ich denke die Freigabe des organisierten Tötens ist aber eine Tür, die ich nicht öffnen möchte. Die Geschichte beweist, dass der Pfad von dieser Tür zur „Bewertung des Lebens“ ein sehr schmaler ist. Und vor allem bleibt immer die Frage: wer bewertet? Natürlich wird man immer die Unterschrift der betroffenen Person haben, aber niemand weiß, was sich dahinter abspielt. Ganz grundsätzlich ist die Ermöglichung von aktiver Sterbehilfe ein Weg, bei dem man sich auf Stempel und Unterschrift zurückziehen kann. Sie vermittelt eine Werte-Minderung für das Thema „Leben“ und sie ist  manchmal vor allem eine Erleichterung für die Zuschauer.

Und bei Kindern?

Aktive Sterbehilfe bei Kindern ist absolut abzulehnen, da die Beeinflussung durch Erwachsene vorausgesetzt werden kann. Niemand kann sich an Situationen so gut anpassen wie Kinder.

Auf der Homepage eines Vereins für aktive Sterbehilfe habe ich folgendes Zitat von Barbara Coudenhouve-Calergi gefunden:

„Aber viele Schwerstkranke wollen nicht nur der Schmerzen wegen selbstbestimmt über ihren Tod entscheiden. Sie wollen lieber in Würde sterben, als jahrelang als Pflegefälle dahinvegetieren, dement, gefüttert und gewindelt, völlig abhängig von Pflegekräften, die ihrerseits bis an die Grenzen des Erträglichen gefordert sind“.

Was können Sie dem entgegenhalten?

Ja, das ist immer das ausschlaggebende Szenario: Es ist allzu verständlich, dass für gesunde aktive Menschen die Idee voll pflegebedürftig im Bett zu liegen, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein, abschreckend ist. Jeder Mensch antwortet auf die Frage was er sich nicht wünschen würde: „Ich will nicht von anderen abhängig sein. Ich will nicht vor mich hinvegetieren“. Viele meinen es wäre erstrebenswert, einfach umzufallen und tot zu sein. Das ist aber die Einschätzung der Gesunden. Ich habe einmal eine Frau gefragt (sie jammerte jeden Tag, dass der Tod so lange auf sich warten ließ): „Wenn ich Ihnen sage, morgen um 10 Uhr sterben Sie, wäre das recht?“ Sie stutzte, dachte nach und wusste dann definitiv, dass es noch zu früh wäre. Das war der Beginn einer sehr fruchtbaren Kommunikation mit vielen endgültigen Regelungen.

Hängt Würde also nicht mit Selbstständigkeit zusammen?

Bei diesem Zitat von Frau Coudenhove-Calergi besitzt Würde nur jene Person, die eigenständig leben kann. Dagegen verwehre ich mich. Jeder behinderte Mensch hat Würde, jeder pflegebedürftige Mensch erfährt Würde und hat Würde. Pflegepersonen sind in Österreich so ausgebildet, dass Würde im Umgang mit Patienten oberste Priorität hat. Solange Sie gesund sind, hat das Wort Würde für Sie vielleicht eine Bedeutung, die Pflegebedürftigkeit ausschließt. Wenn Sie aber pflegebedürftig sind, dann stellen Sie fest, dass das Leben trotzdem nicht vorbei ist. Insofern ist die individuelle Vorstellung von Würde situationsabhängig. Es hat auch sehr viel damit zu tun, ob einem mit Respekt begegnet wird. Ich glaube das Gefühl Würde zu haben, entsteht sehr stark durch respektvolle Behandlung. Umgekehrt hat eine gesunde Person wohl nicht allzu viel Respekt vor einem Pflegebedürftigen, wenn er lieber sterben würde, als mit ihm zu tauschen.

Wie wird denn eigentlich im Krankenhaus mit dem Thema Tod umgegangen?

In allen Krankenhäusern ist der Umgang mit sterbenden Menschen ein Thema. Jedes Krankenhaus wird versuchen, dem Sterben und dem Verabschieden einen würdigen Platz zu geben. Für viele Angehörige ist die Gewissheit, dass alles getan wurde, eine große Hilfe. Oft gelingt es auch, die Angehörigen rechtzeitig zu erreichen, dass der Sterbende von seinen “Lieben” umgeben, sterben kann. Das gelingt allerdings nur, wenn über aussichtlose Behandlungen, über den nahen Tod rechtzeitig gesprochen wird.

Das scheint mir eine große Herausforderung für die Ärzte zu sein, die in der allgemeinen Vorstellung dieses Berufs nicht vorkommt. Wie gehen sie ihrer Erfahrung nach damit um?

Nicht jeder Arzt kann ein Aufklärungsgespräch führen, das den Tod zum Inhalt hat. Hier kommen sehr viele persönliche Ängste ins Spiel. Ebenso können einige Ärzte nicht „ aufgeben“, sie können sich nicht eingestehen, dass keine ärztliche Kunst das Leben des Patienten retten kann. Es werden trotz aussichtsloser Prognose Untersuchungen, Behandlung durchgeführt. Es scheint manchmal erträglicher zu sein, wenn der Patient bei der Behandlung stirbt.  Das Gefühl, alles getan zu haben steht dabei im Vordergrund. Ich habe aber viele Patienten begleitet, denen es umgekehrt wichtig war, dass sie nicht noch einmal ins Krankenhaus gebracht wurden. Es gibt natürlich auch Ärzte, die offen mit den Patienten reden. Die den Patienten aufklären und liebevoll begleiten. Kompetent zu sein in Fragen  zum Leben und im Umgang mit dem Sterben ist derzeit  noch eine seltene Kunst. In der wichtigen letzten Phase des Lebens meine ich, hat jeder Mensch einen (vielleicht auch professionellen) Beistand verdient. Er hat verdient, dass ihm jemand zuhört, dass er Fragen stellen kann und dass seine Ängste gemildert werden und dass ihm jemand, wenn die Worte vergangen sind, die Hand hält.

Sind Sie in Ihrer Arbeit in der Hauskrankenpflege eigentlich jemals konkret auf Sterbehilfe angesprochen worden?

Ich habe sehr viele Sterbende bis zum Tod begleitet. Die Frage „Bitte geben Sie mir mehr Morphin, dann wär`s vorbei“ wurde mir oft gestellt. Diese Frage hat jedes Mal bewirkt, dass wir über das Leben gesprochen haben und am Schluss waren alle froh, noch Zeit bekommen zu haben.

Es gab also keinen einzigen Selbstmordversuch in all den Jahren?

Es gab interessante, berührende Gespräche und die Gewissheit, dass wir das Beste aus einer beschissenen Situation gemacht haben. Selbstmordversuch gab es keinen und es ich wurde auch nie ein zweites Mal darauf angesprochen, doch noch zu nachzuhelfen. Sobald sich das Gespräch darum dreht, Wie wir die verbleibende Zeit nutzen können, war das verflogen. Was vermissen Sie noch in Ihrem Leben? Mit wem möchten Sie sprechen? Was wollten Sie unbedingt noch tun? Gibt es Themen, die nie besprochen wurden? Hier braucht es jemanden, der diese Fragen stellt und Kontakte knüpft. Der diese Kontakte am Rand begleitet. Immerhin haben wir es mit Sterbenden zu tun, die nur begrenzt belastbar sind.

Eines der Argumente gegen aktive Sterbehilfe besagt, dass, wenn dieser Weg einmal legal ist, ein unterschwelliger Druck auf alte Menschen entstehen kann. Sie sollen doch nicht länger zur Last zu fallen, den Weg wählen, der für alle am einfachsten ist. Im Altersheim, in der Hauskrankenpflege haben Sie sicher auch Einblick in die verschiedensten Familiensituationen bekommen. Gibt es dieses „Mobbing zum Tod“ wirklich, oder könnte so etwas entstehen?

Ich höre diesen Ausdruck zum ersten Mal, aber in verschiedenen Ausprägungen findet es seit jeher statt. Manche Nomadenvölker haben ihre Alten zurückgelassen, wenn sie nicht mehr mitgehen konnten.  Das war nicht unbedingt böse gemeint, sondern entsprach der damals gültigen Kultur. Wir müssen uns überlegen, ob wir Mord – und nichts anderes bedeutet es, wenn wir jemanden organisiert vom Leben in den Tod befördern – zu unserer Kultur machen wollen.  Wenn dieses Töten wieder legal wird, dann wäre das ein enormer Rückschritt unserer Zivilisation.

Ich glaube es wäre unehrlich, wenn man in diesem Zusammenhang nur von der Belastung sprechen würde, der die Angehörigen ausgesetzt werden. Leider geht es wohl manchmal auch um das, was der Sterbende zurücklassen wird. Wie sind da Ihre Erfahrungen?

In allen Bereichen hat Geld und Besitz immer wieder zu diesem Mobbing und zu Schlimmerem geführt. Reichere alte Menschen wissen um dieses Problem und hoffen, dass es jemanden gibt, der sie schützt. Sie bauen sich ja auch oft jemanden auf. Es gibt da richtiggehend Verhaltensregeln dafür, wie man länger lebt. Ich habe das im Altersheim sehr oft beobachtet. Gib niemals das Geld vorher her! Behalte Dir ein paar Werte heimlich, damit du wertvoll bleibst. Überschreib Dein Haus nicht vorzeitig, sonst landest Du drei Wochen später im Altersheim usw.

Wie kommt es zu solchen Tragödien?

Das Mobbing kann nur entstehen, wenn eine Überforderung des alten oder kranken Menschen da ist, wenn er schwach wird. Gebrechlichkeit kann jeden überfordern. Mitbewohner, die nur nörgeln, Lebenspartner, die die Chance wittern, die „Macht“ zu übernehmen, sich für vergangene Schmach zu rächen, etc. Ich denke, dass gegen dieses Mobbing nur ein Außenstehender helfen kann. Jemand, der den alten Menschen wieder aufbaut, wenn er glaubt, keinen Wert mehr zu haben, durchaus auch mit Medikamenten. Hier sind viele menschliche Facetten im Spiel und außenstehende Personen, oft Leute die eine Aufgabe bei der Pflege übernehmen, können den Kreislauf durchbrechen. Meistens aber entsteht dieses Mobbing aus lebenslangen Umgangsformen. Es gibt  immer eine Geschichte, eine Lebensgeschichte, hinter schlechtem Verhalten in der Familie. Manchmal war die Gebrechlichkeit die erste Möglichkeit für inzwischen erwachsene Kinder sich zu wehren. Nicht dass ich es gut heiße, aber ich verstehe viele Dinge. Eines ist aber klar: Wenn es um den Wert eines Lebens geht, muss der Staat auf jeden Fall die Grenze ziehen.

Sie haben gesagt, aktive Sterbehilfe wäre für Sie ein enormer Rückschritt in der Zivilisation. Wieso glauben Sie ist das dann jetzt auf einmal Thema in der Öffentlichkeit?

Ich glaube hier wird mit einer Grundangst des Menschen gespielt. Die Angst vorm Tod ist wohl eine der elementarsten Kräfte im Leben. Damit stark verbunden ist auch die Angst vorm Älterwerden bzw. den negativen Folgen davon. Sehen Sie sich doch die ganzen Diskussionen zu dem Thema an. Dort sitzen ausschließlich Menschen zwischen 45 und 55 Jahren. Das ist genau der Lebensabschnitt, indem einem bewusst wird, dass die Halbzeit überschritten ist. Da wird diese Angst natürlich konkreter und man beginnt sich irgendwelche fürchterlichen Situationen auszumalen, sei es bei den eigenen Eltern oder bei sich selbst. Es würde mich aber einmal interessieren, wie so eine Diskussion verläuft, wenn vier 85-jährige am Podium sitzen.

Aber war das nicht immer so? Warum ist es gerade jetzt ein Thema?

Natürlich gibt es diese Angst seitdem es Menschen gibt. Ein bisschen gesteuert scheint mir das schon auch zu sein. Mir fällt zum Beispiel auf, dass bei diesen Diskussionen zwar immer ein Mensch vom Hospiz oder mit Hospizgedanken dabei ist, aber alle anderen begegnen der Tötung auf Verlangen aufgeschlossen. Dadurch bekommen die Befürworter natürlich dann wesentlich mehr Redezeit und werden deutlicher gehört. Ich vermute weil man vermitteln möchte, dass die Mehrheit die Sterbehilfe möchte? Das kann ich so nicht empfinden.

Warum versuchen die Medien hier zu lenken?

Ich weiß es nicht und ich will ihnen auch nichts Böses unterstellen. Ich glaube dass Menschen die im Medienbereich arbeiten, wahrscheinlich anfälliger für Trends und Zeitgeistströmungen sind. Die Medien signalisieren ja schon lange zwischen den Zeilen, dass Alter vor allem teuer ist. Jung-Sein ist eine Lebensform – Alt-Sein aber auch! Warum werden die einen hofiert und die anderen ausgegrenzt? Die Alten haben meist schon einen wesentlichen Beitrag zum Allgemeinwohl geleistet, die Jungen nicht. Warum nimmt sich niemand den Vorteilen an, die eine gemischte Gesellschaft bietet? Warum gibt es nur schlechte Werbungen über alte Menschen mit Pflegebedürftigkeit. Eine Gesellschaft, die Menschen Slip-Einlagen als unverzichtbar verkaufen kann, wird  doch wohl in der Lage sein Pflegebedürftigkeit als normalen Weg im Leben zu verkaufen!

Zusammenfassend, wie glauben Sie, dass man würdevoll bis ans natürliche Ende seines Lebens leben kann?

Es braucht 9 Monate um ins Leben zu kommen, der normale Rhythmus verlangt ein langsames Hinausgehen. Menschen sind besondere Wesen: Sie können sich mit allen Situationen im Leben zurecht finden. Die einen brauchen länger, die anderen kürzer. Es liegt in unserer Natur, einer nicht änderbaren Situation gute Seiten abzugewinnen. Die Erfahrungen meiner Arbeit haben mich gelehrt, dass Menschenwürde am Ende des Lebens folgendes bedingt:

  • Ich werde nicht allein gelassen, wenn ich Hilfe brauche
  • Schmerzen werden behandelt, nach neuesten wissenschaftlichen Richtlinien (das passiert leider nicht immer)
  • Meine Ängste werden ernst genommen und nach Möglichkeit wird Hilfe angeboten
  • Ich kann frei entscheiden (über Schmerzmittel- und Menge, Nahrungsaufnahme, Körperpflege, Besuche)
  • Niemand setzt mich mit seinen Vorstellungen unter Druck
  • Menschen, die mir nicht gut tun, die mir nichts Gutes wollen, werden fern gehalten.

Der Staat sollte versuchen, unterstützende Institutionen anzubieten. Sich der Kranken und Sterbende und somit des “ Problems” mit einer Spritze zu entledigen, ist für mich keine Option.

Vielen Dank für das Gespräch.

___

Eine Bitte der Initiatoren:

Wir kämpfen dafür, dass die Tötung auf Verlangen dauerhaft verboten bleibt. Auf dieser Website versuchen wir von verschiedenen Sichtweisen her zu beleuchten, warum das notwendig ist.

In der laufenden Diskussion benötigen wir eine größtmögliche Unterstützung in der Bevölkerung. Wenn also auch Sie überzeugt davon sind, dass der Wert des Lebens nicht relativiert werden darf, unterstützen Sie uns bitte mit Ihrer Unterschrift:

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