Zu den Gefahren einer aktiven Sterbehilfe in Österreich

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von Dr. Rainer Thell, Anästhesist und Intensivmediziner, Lehrbeauftragter für Medizinethik an der Karl Landsteiner Privatuniversität Krems

Unser Leben in Österreich ist grundsätzlich von demokratischen, der Freiheit verpflichteten Strukturen umrahmt. Wir alle wollen möglichst selbst-bestimmt und autonom unser Schicksal entscheiden und gestalten. Die Autonomie ist eines der höchsten Güter nicht nur des gesunden, sondern insbesondere eines kranken oder verletzlichen Menschen. Insofern gehört auf den ersten Blick der verständliche Wunsch dazu, autonom über das eigene Leben genauso wie über die Beendigung desselben durch Töten auf Verlangen entscheiden zu können. Es gibt keine moralische Verurteilung lebensunwilliger Menschen. Nur funktioniert meiner Meinung nach die aktive Sterbehilfe wegen der Gefahr des Dammbruches nicht.

Das Dammbruchargument (englisch „slippery slope argument“) ist aus meiner Sicht entscheidend gegen die Freiheit zur Tötung auf Verlangen. Es ist nicht nur ein philosophisches Argument, sondern auch eine praktische Überlegung, welche sich auf zwei Ebenen abspielt. Genauer gesagt sind es Beobachtungen aus der Praxis, vor allem aus den Niederlanden und aus Belgien, welche eine Aufweichung von dortigen gesellschaftlichen und gesetzlichen Normen und Regeln aufzeigen. Aufzutreten scheinen diese Phänomene vor allem als Folge einer grundsätzlichen Legalisierung der aktiven Sterbehilfe. Gesetze in diesem hypersensitiven Bereich, die striktest eingehalten werden sollten, wurden in beiden Ländern ausgehöhlt. Dies scheint mit teilweiser Akzeptanz der Gesellschaft einherzugehen.

Zwei Ebenen sollen hier beleuchtet werden, nämlich der freie Wille zur Inanspruchnahme der aktiven Sterbehilfe und das legalisierende Gesetz dazu.

Wer könnte sich zur aktiven Sterbehilfe entscheiden? Welcher Personenkreis könnte dafür optieren? Es sind dies Menschen mit Zukunftsängsten, schwerer chronischer Krankheit,  Angst vor Kontrollverlust, Angst vor Würdeverlust, Abhängigkeit von anderen, Depression und starken Schmerzzuständen. (1, 2) Mehrheitlich handelt es sich um alte, isolierte und um chronisch oder terminal kranke Menschen, oft Abhängige von professioneller oder familiärer Pflege, welche ihr Leben möglicherweise nicht mehr weiterleben wollen. Eher als andere Personen laufen diese Gefahr, Zustände von Lebensüberdruss bis hin zur schweren Depression zu erleiden. Sie sind weniger aktiv in die Gesellschaft eingebunden oder können sich nicht mehr aktiv einbringen. In sie müssen eher die Ressourcen Zeit und Geld investiert werden. Diese Kombination kann dazu führen, dass sich diese Menschen eher der Vorstellung hingeben, für die Gesellschaft nicht mehr wertvoll zu sein. Diese Vorstellung, für die Gesellschaft wert-los zu sein, kann nun im Falle einer legalen Option zur aktiven Sterbehilfe die Latte niedriger legen, sich für eine solche aktive Lebensbeendigung auszusprechen. Es kann weiters zu (unausgesprochener) Ausübung von sozialem Druck durch die Familie oder durch Pflegende kommen, für eine aktive Sterbehilfe zu optieren – wenn diese legal verfügbar ist. Diese Vorstellungen sind nicht unrealistisch. In extremo könnte die Situation entstehen, dass sich jemand in Argumentierungsumkehr für einen Wunsch auf Weiterleben rechtfertigen muss. Es besteht hier bei Legalisierung von aktiver Sterbehilfe die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Veränderung von Moralvorstellungen, welche eine Verschiebung hin zu einem beschleunigten Töten auf Verlangen bewirken kann.

Die Sorge vor Beugung und Verwässerung der legalisierenden Gesetze zur aktiven Sterbehilfe (welche eigentlich Missbrauch verhindern sollten und mit deren Hilfe eine kategorische Übersicht bewahrt werden soll) ist keineswegs theoretisch oder an den Haaren herbeigezogen.

Es ist vielmehr eine beobachtete und dokumentierte Tatsache, dass Menschen sowohl in den Niederlanden als auch in Belgien nicht immer auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin, sondern auch ohne explizite Expression ihres Wunsch eine sogenannte aktive Sterbehilfe erhalten, und dieser Dammbruch ist das fatale daran. Im flämischen Teil Belgiens wurde 2007 eine Umfrage unter Ärzten mit 208 Fällen von aktiver Sterbehilfe durchgeführt. (3) Die aktive Sterbehilfe wurde bei 32 % dieser dokumentierten Patienten in Abwesenheit einer Zustimmung ausgeführt. Hauptgründe dafür waren Koma (70 %) oder Demenz (21 %). In 17 % der Fälle wurde die aktive Sterbehilfe ohne Zustimmung durchgeführt, weil die Ärzte der Ansicht waren, dass die „Sterbehilfe klar im Interesse des Patienten war“ (sic). In 8 % der Fälle entfiel die Diskussion, weil „die Diskussion mit dem Patienten diesem geschadet hätte“. (Mehrfachantworten waren in dieser Studie möglich.) Die Autoren dieser Arbeit sprechen von 2 % aller Todesfälle in Belgien, welche im Jahr 2007 durch aktive Sterbehilfe zustande kamen.

Weiters wurden und werden die scheinbar strengen Regeln verwässert. Tatsächlich wurden im Mai dieses Jahres in der Schweiz die Statuten des Sterbehilfevereins Exit derart verändert, dass man in Zukunft als „betagter oder hochbetagter“ Sterbewilliger leichter, sprich mit weniger umfassenden medizinischen Untersuchungen und mit weniger gravierenden Leiden denn als jüngerer Sterbewilliger zu seinem Sterbemedikament kommen soll. (4) „Betagt“ wird vom Verein nicht definiert.

In Belgien wurde am 13. Februar dieses Jahres ein Gesetz zur Sterbehilfe auf Verlangen bei Kindern, beschlossen.(2) Hier steht nicht die Sorge vor der Lebensbeendigung von behinderten Kindern (bei solchen ist die aktive Sterbehilfe verboten) im Vordergrund, sondern die Tatsache, dass es eben Kinder sind, welche zustimmen müssen. Erwachsene führen bei dem Wunsch nach Sterbehilfe neben Schmerz z.B. Würdeverlust, Kontrollverlust, Abhängigkeit an und entscheiden differenziert und nach Abwägung dieser unterschiedlichen Umstände. Für Kinder zählt Schmerz oder nicht Schmerz. Es erscheint mehr als befremdlich, dass Kinder vor die Entscheidung gestellt werden, für eine aktive Lebensbeendigung zu stimmen.

Zu den oben genannten Umständen der Ängste von Menschen vor Kontrollverlust, Würdeverlust, von Depression und schweren Schmerzen gibt es in Österreich medizinische Behandlungsoptionen und soziale Einrichtungen, welche dazu dienen, einen Wunsch nach aktiver Lebensbeendigung nicht vor dem geistigen Auge zu erscheinen lassen zu müssen. Weiters sollte betont werden, dass in Österreich selbstverständlich regelmäßig die passive Sterbehilfe durchgeführt wird, also man versterben kann, wenn der Kampf um das Leben aussichtslos geworden ist. Die passive Sterbehilfe wird im Rahmen eines palliativen Setting, also mit maximal erzielbaren Komfort für den Patienten durchgeführt. Die Möglichkeit, eine aktive Sterbehilfe zu legalisieren, erscheint mit unkontrollierbaren Gefahren verbunden zu sein.

Nachweise:

1. Zylicz B. Palliative care and euthanasia in the Netherlands: observations of a Dutch physician. In: Foley KM, Hendin H, eds. The Case Against Assisted Suicide: For the Right to End-of-Life Care. Baltimore, MD: Johns Hopkins University Press; 2002.
2. Siegel AM et al. Pediatric euthanasia in Belgium: disturbing developments.JAMA. 2014 May 21;311(19):1963-4
3. Chambaere K, et al. Physician-assisted deaths under the euthanasia law in Belgium: a population-based survey. CMAJ 2010;182:895–901.
4. Schweizer Online-Zeitung Blick 24.05.2014; http://www.blick.ch/news/schweiz/sterbehilfe-exit-verankert-altersfreitod-in-den-statuten-id2872266.html

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Eine Bitte der Initiatoren:

Wir kämpfen dafür, dass die Tötung auf Verlangen dauerhaft verboten bleibt. Auf dieser Website versuchen wir von verschiedenen Sichtweisen her zu beleuchten, warum das notwendig ist.

In der laufenden Diskussion benötigen wir eine größtmögliche Unterstützung in der Bevölkerung. Wenn also auch Sie überzeugt davon sind, dass der Wert des Lebens nicht relativiert werden darf, unterstützen Sie uns bitte mit Ihrer Unterschrift:

 

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